Reclaim Utopia – Zur Aktualität anarchistischer Theorie und Praxis

Reclaim Utopia – Es geht darum zu träumen, es geht auch darum das Unmögliche zu versuchen, es geht darum eben auch das Unmögliche konkret zu machen. Wir wollen die Verhältnisse zum Wanken und Fallen bringen. Doch wenn wir unsere Vorstellungen nur an den Verhältnissen orientieren, können wir uns aus diesen nicht befreien, weil sie uns keinen Ansatz dafür bieten, wie ein Leben möglich sein kann. Anarchistische Ideen gehen dabei immer einen Schritt weiter als das, was die herrschende Realität uns als möglich suggerieren mag. Wir stellen das Morgen in seiner angeblichen Zwangsläufigkeit in Frage und wollen das Heute bereits so gestalten, dass wir uns darin lebendig fühlen können. In diesem Sinne ist Anarchismus für uns Utopie und Praxis zugleich.
Es gibt unzählige Vorstellungen von einem anarchistischen Zusammenleben. Diese Vielfältigkeit anarchistischer Theorien führt soweit, dass sogar sich selbst widersprechende Konzepte unter ein und demselben Sammelbegriff zusammenfallen. Es gibt nicht „den“ Anarchismus, es gibt viele Anarchismen.

Genauso viele Ansätze und Versuche gibt es, diese umzusetzen und Alternativen zu der gewaltvollen, kapitalistischen und von Konkurrenz geprägten Wirklichkeit in der wir leben zu schaffen und diese graue Welt endlich aufzubrechen.
Aber welche Popularität und welche Relevanz als gesellschaftliche Kraft haben diese Versuche? Welche bedeutsamen Möglichkeiten zur Veränderung gibt es heute? Es scheint fast unmöglich, dass Menschen mit libertär-emanzipatorischem Anspruch versuchen, Realpolitik mitzugestalten ohne ihre utopischen Positionen, Ideale und Reflektionen zu verlieren. Alternativ dazu versuchen manche, sich eigene Realitäten zu schaffen und ihr Leben nach D.I.Y.-Idealen zu gestalten, um möglichst wenig Teil des Unrechts zu sein, das doch allgegenwärtig ist. Aber wie weit ist dies möglich?
Wir, alle die wir träumen und verwirklichen wollen, werden immer wieder aufs Neue von der zerstörerischen Realität eingeholt und sind Teil von ihr, sowie sie Teil von uns ist. Es ist unmöglich, eine Bewegung auszuführen, ein Wort zu denken oder einen Augenblick zu erleben, ohne unsere Sozialisation zu spüren, noch sie abzulegen. Wir sind in dieser Welt gewachsen und tragen sie in uns, sowie unsere Ideen in ihr gewachsen sind und in ihr gedacht werden. Trotzdem wollen wir eine Welt erschaffen, die nichts mit der uns vertrauten gemein hat, doch ist uns dabei bewusst, dass sie in ihr ihren Ursprung hat.
Wir wissen um diesen Widerspruch und hadern mit ihm, da  er die Stille schafft, die uns nicht schlafen lässt. Doch wir leben auch mit diesem Widerspruch und nehmen ihn an. Der Anarchismus birgt für uns dabei die Idee, dass ein herrschaftsfreies Miteinander möglich ist und dass es gelebt werden kann. Er birgt den Anspruch, direkte Lösungen für auftretende Probleme zu finden, wobei jene entscheiden, die betroffen sind. Darin liegt für uns ein Potential des Anarchismus, während seine Sprengkraft dadurch ausgelöst wird, dass Diversität nicht eine Begleiterscheinung, sondern ein zentrales Element ist, was ihn belebt.
Wir wissen, dass jeder Schritt den wir nach vorne gehen, immer den Angriffen der Verhältnisse ausgesetzt ist. Unsere Theorie wird bis zur Lächerlichkeit entstellt und als gefährlich beschrieben. Unsere Praxis wird als unmöglich und dem Menschen nicht „natürlich“ dargestellt. Diese Verklärungen gilt es deshalb anzugehen und ein realistisches Bild aufzuzeigen, welches die Plausibilität anarchistischer Ideen vermittelt.
Weltweit finden beinahe täglich Aufstände statt. Weil das Gegebene nicht mehr hingenommen werden kann. Wir solidarisieren uns mit allen Menschen, die sich versuchen aus ihrer erdrückenden Lage zu befreien und freuen uns über jeden sozialen Aufstand, der sagt, dass das Unerträgliche nicht mehr zu akzeptieren ist.1
Wir kritisieren den Ansatz, diese Aufschreie als illegitim zu diffamieren und so zu tun, als gäbe es keinen Grund oder keine Notwendigkeit zu einem Aufstand – die Gründe dafür sind täglich sichtbar!
Wir unterscheiden wo Gewalt ihren Ursprung hat und welches Ziel sie verfolgt. Wir setzen die Gewalt, die unterdrücken will, um eine Ordnung aufrecht zu erhalten, mit einer Gewalt, die auch nur ein Aufschrei über die unfassbaren Zustände sein kann, nicht gleich. Dabei wissen wir um die ständige Gefahr, dass sich diese in unterdrückende Gewalt wandeln kann und betrachten die unaufhörliche Reflektion und Hinterfragung als unabdingbar.
Es gilt die Subkulturen zu verlassen und eine Welt zu entdecken, die möglich ist und die in Greifweite liegt. Es gibt nichts zu gewinnen am Ende dieser Reise, aber es gilt eine Utopie wieder zu erleben, die wir verloren glaubten. Es gilt die Kraft von Träumen auf den Straßen auszuleben und die leuchtenden Augen von Ideen zu beschützen. Es gilt zurück zu nehmen – nicht zu fordern – was wir aufgegeben hatten und was uns als ‚unrealistisch‘, ‚träumerisch‘, ‚zeitverschwenderisch‘, ‚idealistisch‘, ‚utopisch‘ aus den Händen gerissen wurde, um es dem Zynismus vorzuwerfen. Und dafür sind nur wir verantwortlich, dass heißt: ich. du.

Theorie und Praxis sind untrennbar. Ohne Theorie haben der Aufstand, das Projekt oder die versuchte Umsetzung einer Idee kein Ziel und verpuffen. Und ohne Praxis sind die Texte in den Büchern, die Reden gegen die Verhältnisse und die nächtelangen Diskussionen, die uns gleichzeitig soviel Kraft geben und uns zum Verzweifeln bringen, zum Sterben verurteilt.
Die Idee, der Traum, die Utopie wird verbreitet indem es gelebt wird, um letztlich die Mauern der Ignoranz, die uns umgeben, niederzureißen.

Und dafür bleibt uns noch ein ganzes Leben.

1 Fußnote

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