Nachträgliche Gedanken zum CrimethInc.-Vortrag

“Was kann der Anarchismus anbieten?”, fragte die referierende Person des CrimethInc.-Kollektives kurz nach dem Beginn des Vortrages. Gemeint ist: was kann der Anarchismus zu den neuen sozialen Bewegungen beitragen, die in den letzten Jahren immer wieder unsere Aufmerksamkeit angezogen haben. Ähnlich dem CrimethInc.-Kollektiv aus den USA haben wir die Aufstände, die sozialen Revolten und die Platzbesetzungen von Occupy bis Soy132, von Gezi-Park bis Syntagma-Platz aufgeregt verfolgt. Wir haben uns die Köpfe darüber zerbrochen, wie sich daran anknüpfen lässt und wie die vielen kleinen Nadelstiche verbunden werden können, um die Freiräume zu vergrößern. Und ähnlich wollten wir es an diesem Abend auch wieder tun, als im April diesen Jahres N. zu einer kleinen Vortragstour nach Europa kam und dabei auch in Leipzig hielt. Der folgende kurze Text soll ein paar subjektive Eindrücke wiedergeben und daran anschließend auch ein paar weitere Gedanken zur Diskussion stellen, ohne jedoch den Anspruch zu erheben den Vortrag wiederzugeben.

Immer wieder spannend am CrimethInc.-Kollektiv ist, dass sie sich nicht ständig auf die selben alten Texte berufen, sondern aktiv eigene Positionen und Analysen formulieren, die versuchen die aktuelle Situation greifbar zu machen, um dann daran anschließend darauf reagieren zu können. Diese Positionen oder Analysen müssen nicht immer geteilt werden und gerade die ersten Jahre ihrer Existenz haben dem Kollektiv Vorwürfe des “Lifestyle-Anarchismus” eingebracht. Allerdings finden wir diesen Ansatz der eigenen Ideenproduktion sehr faszinierend und beteiligen uns gern an solchen Debatten und verfolgen sie, so dass wir* gemeinsam – die wir* uns als Anarchist*innen, Libertäre oder damit Verbundene definieren – die Kommunikation zwischen uns wieder aufbauend, uns gegenseitig erkennen mögen. Gern auch durch den Pathos, den die CrimethInc.-Texte versprühen und der unsere Augen manchmal funkeln lässt, wenn zwischen den Zeilen die Träume so nah scheinen.
Gerade in Zeiten, in denen nahezu alle von ‘der’ Krise (des Kapitalismus) reden, sollten wir* uns Gedanken darüber machen, wie wir* konkret an den aufkommenden Bewegungen teilnehmen können und wie wir* diese auch gestalten können bzw. wie wir* unsere Vorstellung einer herrschaftsfreien Welt auf den öffentlichen Plätzen lebbar machen können. Während des Vortrages wurde vorgeschlagen, dass anarchistische Kritik sich besonders an drei Punkten deutlich machen sollte, um damit auch darüber hinaus Alternativen zu zeigen. Diese drei Punkte seien die Polizei, Citizenship/Bürger*innenschaft1 und Demokratie.
Der erste Punkt sei die stetige Aufrüstung und Einsetzung von Überwachungstechnologien, aber auch von Polizei zur Aufstandsbekämpfung. Sei es zur Zwangsräumung von Wohnungen, sei es zur Schikanierung in ‘Gefahrengebieten’, sei es zur Durchsetzung des Castor-Transportes, sei es zur Bewachung von Fabriken oder der Europäischen Zentralbank – immer wieder erscheine die Uniform als Verkörperung eines Systems, das uns aus unseren Wohnungen zwingt, das uns angreift und verfolgt. Diese gemeinsame Erfahrung der Unterdrückung solle genutzt werden, um deutlich zu machen, dass ein Polizeiapparat nicht nur Merkmal eines bestimmten Staates sei, sondern aller Staaten, zu jedem Zeitpunkt. Die Durchsetzung und Aufrechterhaltung des Gewaltmonopols oder die Verteilung eben dieses, bilde ein Kernelement von Staatlichkeit und sein totaler Herrschaftsanspruch über unsere Leben drücke sich in diesem aus.
Und der Staat versuche auch in einem weiteren Punkt sich als Bestimmer unserer Leben und Lebensweisen zu präsentieren, indem er uns von Geburt an “Nationen” zuordne. Doch während die kapitalistische Entwicklung Überleben für ärmere Schichten nahezu unmöglich mache, würden viele beginnen einen neuen Ort zu suchen, um dort besser überleben zu können. Diese Widersprüchlichkeit führe zwangsläufig zum Konflikt und somit zeige sich, dass weder die soziale Demokratie noch faschistische Systeme als Lösungen für derzeitige Krisen gesehen werden können. Die anarchistische Kritik solle demnach deutlich machen, dass beide Vorschläge zur Lösung der aktuellen Krise auf starke Grenzen bauen, um genau festlegen zu können, wer zu ihrem Staat gehöre und wer nicht und dass diese Grenzen jedoch nicht in der Lage seien die aktuellen Probleme zu lösen.
Während diese beiden Punkte weniger neue Kritikpunkte sind, war besonders der letzte Punkt spannend, der sich zum Teil auch auf die aktuelle Organisation von Protestbewegungen konzentrierte. Davon ausgehend, dass einige der Revolten sich gegen repräsentative Demokratien entwickelt hätten, wurde überlegt, welche Grenzen eine demokratische Organisation vielleicht auch für unsere eigenen Gruppen bringen könnte. So wurde die These in den Raum gestellt, dass das Konsens-Prinzip eher für kleine, miteinander vertraute Gruppen entwickelt wurde und darin seine Anwendung finden sollte. Je größer und damit auch meist je unterschiedlicher die Gruppe in ihrer Zusammensetzung werde, desto wahrscheinlicher wäre es, dass eine Konsensfindung eher blockierend wirke, da sie nur noch den kleinsten gemeinsamen Nenner darstelle und jene Realität abbilde, die für die Mehrheit akzeptierbar ist. Aus diesem Gedankengang ergab sich, dass Anarchist*innen gegenüber großen Gruppen ein autonomes Handeln propagieren sollten, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen. So werde verhindert, dass sich (Entscheidungs-)Macht in einer Institution (wie z.B. einer Vollversammlung) konzentriert und ein selbstbestimmtes/selbstständiges Handeln kleinerer Gruppen nahezu unmöglich werde.
Auffallend an dem Vortrag war für uns, dass er sich besonders auf die politischen Formen konzentrierte. Mit der Diskussion der Aufrüstung und Anwendung von Überwachungs-/Polizeiapparat, der Infragestellung der Staatsbürgerschaft und auch dem Konzept der Demokratie zur Entscheidungsfindung, fokussierte sich die Kritik vor allem auf die Art und Weise wie Politik gemacht wird, oder auch was für Politik gemacht wird. Diese Diskussion ist wichtig und entscheidend, da dort Anschlusspunkte gefunden werden und wir* darüber reflektieren können, wie wir* gemeinsame Entscheidungen treffen wollen – wie ein politischer Prozess gestaltet werden kann. Doch vernachlässigt sie gleichzeitig ein zentrales Element: das direkte Leben, damit meinen wir das Überleben der Menschen, hängt letztlich davon ab, dass der kapitalistische Produktionsprozess weitergeht. Sei dies zum Beispiel in Form von Hunger, dass Menschen essen müssen. Oder sei es darüber hinaus auch die Tatsache, dass wohl die wenigsten Menschen mit dem Beginn der Besetzung aufhören würden ihre Mieten zu zahlen oder ihren Job hinzuschmeißen. Der kapitalistische Alltag wird zwar ein Stück aufgebrochen und ihm wird in zentralen Punkten eine Alternative entgegengesetzt, doch mit anhaltender Dauer der Proteste fordern uns die materiellen Notwendigkeiten heraus, denen wir* schließlich auf gewohnten Wegen folgen. Der Status Quo scheint derzeit noch immer den längeren Atem zu haben und unsere Träume zerplatzen schließlich nicht nur am Polizeiknüppel, sondern auch daran dass wir* es nicht schaffen jeden Lebensbereich selbst zu gestalten. Wir würden die Vermutung in den Raum stellen, dass dies sowohl auf den Alltag der meisten politischen Aktiven zutrifft, als auch auf die Situation des Aufstandes und der Revolte. Während die Kollektive auf den Plätzen entscheiden, wie sie ihn gemeinsam gestalten wollen, entscheiden wir nur selten, was wir wie herstellen oder was bei vielen von uns acht Stunden (oder mehr) unseres Tages bestimmt. Deshalb würden wir vorschlagen, dass Anarchist*innen auch eine Frage stellen sollten: wie können wir* unsere eigene Autonomie aufbauen, die uns selbst bestimmen lässt, wie wir* zusammen leben und wie wir* überleben? Dazu können Plünderungen (von denen wir bisher nur in den seltensten Fällen bei Aufständen gehört haben) genauso gehören, wie die Kollektivierung einer Fabrik oder die Besetzung von Feldern zum Anbau oder all die zahlreichen Formen, die euch nun in den Kopf kommen mögen.
Wir denken es geht darum, über bloße Reaktionen auf staatliche Angriffe auf unser Leben hinauszugehen und ebendieses selbst zu gestalten. Es ginge darum die abstrakte Trennung von Politik und Arbeit aufzuheben, die uns dazu auffordert in einem abgesteckten Bereich verfassungskonform um eine Mehrheit zu werben und unsere Ideen als die besseren zu präsentieren. Wenn wir* davon überzeugt sind, dass sie das bessere Leben bringen, dann sollten wir* darangehen sie umzusetzen, sie selbst endlich zu erleben und auszuprobieren. Wir* brauchen dazu keine Mehrheit, wir* brauchen nur immer neue Anläufe und Versuche, in denen wir* herausfinden, was uns gut tut und womit wir* die herrschaftsfreien Strukturen zwischen uns aufbauen können, von denen wir* immer erzählen, ohne dass wir* von weiterhin von unterdrückenden Verhältnissen profitieren.

wir – die Autor*innen

wir* – Hier ist ein ‘erweitertes wir’ gemeint, welches auf eine lose Gruppe von Menschen bezogen ist, die wir* uns als Anarchist*innen, Libertäre oder damit Verbundene definieren.

1 – Citizenship/Bürger*innenschaft verstehen wir hier als gewisse bürgerliche Rechte, die auf der zugeschriebenen Zugehörigkeit zu einer Nation beruhen.

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