Kritik der unvernünftigen Gewalt

Kurz vor Silvester ist ein Aufruf zur unvernünftigen Gewalt im Internet erschienen, den wir äußerst kritikwürdig fanden und um den wir uns auch einigen Gedanken gemacht haben. Leider ist unsere Veröffentlichung nicht mehr ganz aktuell, aber wir denken, dass sie trotzdem eine berechtigte Kritik formuliert, sowieso Anstoß zu nach wie vor wichtigen Diskussionen bieten kann.

“Dies ist ein Aufruf zur unvernünftigen Gewalt. Die Befreiung aus dem gewaltvollen Verhältnis das wir ertragen müssen, werden wir nicht durch vernünftige Handlungen erreichen. Wir werden uns den Regeln der instrumentellen Vernunft nicht beugen, sondern sie brechen.”

„Die Vernunft leitet und erleuchtet uns: wenn Sie eine Gottheit aus ihr machen, wird sie Sie blenden und zu Verbrechen verleiten.“ (Anatole France)

Wie Krisis bereits 1997 feststellte ist die Linke angehalten ihr Verhältnis zur Gewalt zu klären1. Das dies nicht geschehen ist, belegt ein Aufruf aus dem Dezember2, um den es hier maßgeblich gehen soll. Dabei hoffen wir, dass dies nur eine pessimistische Annahme von uns ist und dass Gewalt ständig und permanent in Bezugsgruppen und Kreisen von Freund*innen und Vertrauten diskutiert wird; da die engen rechtlichen Grenzen eine öffentliche Diskussion erschweren, wenn nicht gar verunmöglichen. Dem Schweigen um die Gewaltfrage traten erst kürzlich zwei Bücher entgegen, die wir hier einmal ungelesen weiter empfehlen wollen, in der Hoffnung, dass sie zu einer breiteren Reflektion anregen mögen.3


Der Widerspruch zwischen Vernunft und Unvernunft ist keiner der einseitig aufgelöst werden kann, sondern er muss in seinem Wechselspiel betrachtet und ausgehalten werden. Wir können uns nicht leichtfertigt Gewaltphantasien hingeben ohne über deren Konsequenzen nachzudenken, genauso wenig wie wir jede menschliche Beziehung versachlichen und unsere Gefühle stetig hinter eine scheinbare – wie auch immer geartete – Notwendigkeit zurücktreten lassen können. Ein Aufruf, der diese Einsicht nicht beachtet und versucht ohne sie zu argumentieren, eröffnet den Raum für ebenso unterdrückende Handlungen, welche er vorgibt abschaffen zu wollen. Die Gewalt, als eine Widerstände überwindende Kraft, darf niemals unreflektiert und unvernünftig sein, denn gerade sie muss erklären, warum es potentiell gerechtfertigt ist, bestimmte Grenzen von Personen zu überschreiten. Und genauso muss sie die in sich eingeschriebene Mackerhaftigkeit, sowie das mit ihr mitschwingende Recht des Stärkeren schon in Frage stellen, wenn sie selbst emanzipatorisch sein will.

Wenn wir den Aufruf wohlwollend lesen, dann könnten wir sagen, dass es der Versuch ist hedonistische Gewalt als Selbstzweck zu rechtfertigen und argumentativ die Auslebung der eigenen Gewaltphantasien zu untermauern. Dann müsste der Text jedoch wenigstens die Anstrengung unternehmen, zu erklären inwiefern dies anarchistisch oder emanzipatorisch ist. Dann wäre es vielleicht wirklich “die unvernünftige Gewalt”, die die Autor*innen fordern. Dann müsste aber auch geklärt werden, was es gegen ebenso irrationale Gewalt von anderen Akteur*innen auf andere Ziele einzuwenden gibt.

Wenn wir ihn eher kritisch betrachten, ist er die verkürzte These, dass durch den “Einsturz der Fassade” Menschen beginnen würden zu begreifen.4 Diese Lesart wird auch dadurch nahegelegt, dass es eben nicht um eine wahllose, ziellose Gewalt geht, sondern um eine Gewalt, die sich auf bestimmte Gebäude und Personen, gegen bestimmte gesellschaftliche Zustände richtet. Das Schreiben von einer “unvernünftigen Gewalt” macht dann letztlich nur noch Sinn, wenn es als der Versuch gewertet wird, das gewählte Mittel (die Gewalt) nicht im Verhältnis zum Ziel (dem Begreifen) zu betrachten; sondern diese als Selbstzweck zu behaupten. Woher sie dann letztlich kommt, ob aus den gewaltvollen Zuständen oder dem Gefühl der eigenen Überlegenheit, kann nicht Teil der Diskussion sein, weil sie sich eben selbst rechtfertigen müsste. Betrachten wir sie aber als Mittel mit dem Ziel der Bewusstseinsschaffung liegen die Probleme offensichtlich auf der Hand.
Schon mit dem im Text selbst angeführten Beobachten ist dies zu widerlegen, denn “[g]erade aus jenen, die ihren Verlust erst noch befürchten, speist sich der Zulauf für neurechte Parteien in ganz Europa […]”. Der Erfolg rassistischer Mobilmachungen der letzten Wochen ist ja unter anderem auch, dass zum Teil Ängste und Gefühle aufgegriffen werden, die die kapitalistische Vergesellschaftung permanent erzeugt5. Namentlich sind das Absteigsängste und Konkurrenzdruck, die sich mit rassistischen Ressentiments verknüpfen und so gegenseitig verstärken. Weder wird nun mit der Gewalt dem Gefühl der Angst vor dem Verlust der eigenen sozialen Position begegnet, noch werden rassistische Vorurteile widerlegt. Und genauso wenig wird damit deutlich, wo die Gewalt ihren Ursprung hat. Ohne selbst jetzt prophezeien zu können, was eine kaputte Fensterscheibe beim “Menschen auf der Wohlstandsinsel” auslösen mag, vermuten wir, dass sie nicht zur Frage führen wird, ob der Kapitalismus eine gute Sache ist oder ob es vielleicht noch andere Alternativen gibt; und sie wird bestimmt auch nicht dazu führen, sich mit “den Unterdrückten” in irgendeiner Weise zu solidarisieren.

“Wir” und “Die Anderen”

Und genau dabei sind wir auch schon beim zweiten größeren Problem des Textes. Das Verhältnis von “wir” und “den Anderen”, das latent im ganzen Text mitschwingt. Auffällig ist dabei, dass dies zum einen im Verlauf mehrfach wechselt, denn mal geht von “uns” die Gewalt aus6 und erzeugt unseren Wohlstand, mal sind wir die Ausgebeuteten7, während auf der anderen Seite scheinbar die “Barbaren” stehen, die an nichts anderes als  an den eigenen Vorteil denken können.8 Der Gegensatz von “Barbarei” ist schließlich “Zivilisation”, ebenso wie der Gegensatz von “Unvernunft” die “Vernunft” ist. Dass beide Begriffspaare historisch gesehen nahezu deckungsgleich verwendet wurden, scheint den Autor*innen entweder nicht bewusst zu sein oder soll nicht beachtet werden. Der Bezug zur “Barbarei” wurde stets hergestellt, um sich in Abgrenzung als vermeintlich zivilisatorisch zu behaupten, d.h. eben auch als vernünftig. Wer die eine Konstruktion mitträgt, kann die andere nicht auskappseln – besonders dann nicht, wenn dieser Bedeutungsgehalt nicht ausgeführt wird, sondern den Subtext bildet. Liest es sich auf den ersten Blick als sollte auf Vernunft mit unvernünftiger Gewalt reagiert werden, d.h. der Gegensatz sollte einseitig aufgelöst werden, bleibt nach der Aufschlüsselung das Bild, das dem scheinbar “barbarischen” mit dem irrationalen Gewalt begegnet werden soll. Das Denken in einfachen Gegensatz-Paaren führt notwendigerweise zu einfachen Antworten, die jedoch keinen Schritt voran kommen werden, da sie die Widersprüche, die durch uns hindurch verlaufen, selbst nicht begreifen können. Dass wir nämlich vernünftig und unvernünftig zugleich sein können; ja dass eben die Geschichte nicht linear verläuft, sondern von Brüchen durchzogen ist und eben die Gesellschaft sich deshalb nicht in die “Guten” und die “Bösen” teilt. Die Beobachtung, dass die Gewalt von “uns” ausgeht, während wir gleichzeitig Ausgebeutete sind, sollte doch schon Hinweis genug sein, dass es keine eindeutigen Positionen gibt. Es gilt Widersprüche zu thematisieren, um damit umzugehen. Also sollten wir den – vielleicht schon gezückten – Hammer nehmen, um damit zuerst einmal unsere eigenen Fassaden einzuschlagen, da wir über die Widersprüche, die durch uns selbst verlaufen, vielleicht merken können, dass wir nicht die moralisch höheren Wesen sind, deren unvernünftige Gewalt automatisch zur Befreiung führt.

Also klären wir.

Leider war der vorliegende Text mehr eine Antwort, als selbst ein ausgearbeiteter Entwurf. Trotzdem erschien es uns wichtig zu diesem Verständnis von Gewalt Position zu beziehen und es genau in seinen theoretischen Überlegungen zu thematisieren. Allerdings erscheint es uns wichtig an dieser Stelle auch zu betonen, dass wir weder Gewalt als Mittel prinzipiell ablehnen, noch das wir bestreiten würden, dass die derzeitige Verfasstheit der Gesellschaft gewaltvoll ist. Jedoch gilt es – und das hoffen wir betont zu haben – das Mittel der Gewalt ständig zu reflektieren und bewusst zu gebrauchen. In unserem Verständnis bedeutet dies auch es vernünftig zu gebrauchen.
Wir laden dazu ein, die Positionen gern noch weiter zu diskutieren.


1 Gemeint ist ein Text der Gruppe Krisis, der unter folgenden Link zu erreichen ist: http://www.krisis.org/1997/gewalt-und-gesellschaft
2 Gemein ist der folgende Aufruf zur „unvernünftigen Gewalt“: https://linksunten.indymedia.org/de/node/129975
3 Gemeint sind die Bücher „Befreiung und soziale Emanzipation“ von Roman Danyluk, sowie der von Hendrik Wallat herausgegebene Sammelband „Gewalt und Moral“.
4 „Unser Ziel ist es, den Einsturz der Fassade zu beschleunigen, damit auch der letzte Mensch hier begreift: Die Gewalt in der Welt kommt nicht zu uns. Sie kommt von uns.“
5 Dies soll kein Verständnis für rassistische Parolen und Positionen sein, genauso wenig wie für andere menschenverachtende Einstellung. Eine vermeintliche Lösung gesellschaftlicher Probleme, die mit der Abwertung und Ausgrenzung ganzer Gesellschaftsgruppen einher geht, kann niemand akzeptieren, der an einem emanzipatorischen Projekt interessiert ist. Demnach bleibt allen angeblichen Verstehenden nur entgegenzuhalten: Denn sie wissen, was sie tun!
6 „Die Gewalt in der Welt kommt nicht zu uns. Sie kommt von uns. Sie ist das entscheidende Element, mit dem unser Wohlstand hier erzeugt und abgesichert wird.“
7 “Das Bild aus Glück und Glanz bannt selbst uns Ausgebeuteten und Unterdrückten so sehr, dass wir darüber unsere Möglichkeiten des Widerstandes vergessen, sie ablehnen, oder uns sogar mit der Macht des Staates gemein machen, um gegen aufkeimende soziale Kämpfe vorzugehen.”
8 „Die heutigen Barbaren sind nicht nur diejenigen, die anderen offensichtliche Grausamkeiten antun, es sind vor allem auch die, die angesichts des zum Himmel schreienden Elends in der Welt an nichts anderes als Plasmafernseher, die Weihnachtsgans und einen guten Start ins neue Jahr denken können.”

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