Versuch einer theoretischen Auseinandersetzung mit Theorie, theoretischer Praxis, praktischer Theorie und ein bisschen Dialektik

Der Text ist aus einer Diskussion zweier Mitglieder der Gruppe Reclaim Utopia entstanden, die nicht in Gänze abgebildet ist. Wenn also an verschiedenen Stellen auf ein Gespräche, eine Debatte oder Begriffe Bezug genommen wird und erstmal nicht klar ist aus welchem Kontext sie kommen, dann entstammen sie der auch unabhängig von diesem Text geführten Diskussion.

A: So wie ich die materialistische Kritik der Universität lese, zielt sie üblicherweise auf die Kritik der vermeintlich neutralen Wissenschaftsposition, auf ihr Eingebundensein in den Verwertungsmechanismus des Kapitalismus (Dritt-Mittel-Förderung, Karriereleiter, …) und auf die der Produktion besserer Arbeitskräfte. In unserer Diskussion sind wir häufig dazu gekommen auch uns in diesem Kontext zu betrachtet, weil sich die Widersprüchlichkeit der Verhältnisse, sowohl dort als auch durch sie in uns ausdrückt. Die Frage, um die es dabei auch ging, war häufig, inwiefern lässt sich bei so antagonistischen verfassten Verhältnissen überhaupt eine eindeutige Position beziehen bzw. wird sie der Realität überhaupt gerecht? Dabei bin ich schon der Meinung, dass es wichtig ist eine eindeutige Position zu beziehen, denn es geht ja gerade darum mit ihr über die Kontexte hinaus zu weisen, die wir kritisieren. Auch im Sinne von Theorieproduktion und Reflexion der eigenen Praxis, die ich häufig in der Bibliothek betreibe und wonach ich mir teilweise Hausarbeitsthemen usw. auswähle, bleibt es denke ich wichtig zu betonen, dass die Universität eine Institution der Herrschaft ist.

B: Meine These war aber, dass die Universität keine Institution der Herrschaft bleiben muss. Dass sie derzeit eine solche ist, da würde ich dir gar nicht widersprechen. Aber sie ist eben keine Institution der totalen Herrschaft und darauf wollte ich hinaus; denn nur, wenn sie dies wäre, dann könnte darin keine emanzipatorische Politik gemacht werden. Mir geht es insofern also darum vielleicht eine (mehr oder weniger) eindeutige Position auch im Uni-Betrieb stark zu machen. Damit ist sie meiner Meinung nach aber schon nicht mehr wirklich eindeutig. Meines Erachtens gibt es aber keine gesellschaftliche Position, die die diese Eindeutigkeit für sich reklamieren könnte.

A: Ja, aber so wie ich deine Emphase für die Universität hin und wieder verstanden habe, war mir das nicht immer so klar. Ich glaube auch, dass ich was diese Institution angeht einfach skeptischer bin. Warum? Ich denke wie du, dass sich die Linke in Europa und vor allem in Deutschland (Hegemonie) gerade hauptsächlich in Frage stellen sollte, angesichts ihrer konstanten gesellschaftlichen Abwesenheit, ihrer Unfähigkeit auf die Probleme des heutigen Kapitalismus mit breiter Mobilisierung, sowie analytischer und theoretischer Angemessenheit reagieren zu können und dem auch historischen Scheitern ihrer Politik in den 60ern und 70ern.1 Dabei glaube ich aber – wenn wir die Frage nach dem ‚Wo?‘ stellen – nicht, dass die Universität der richtige Ort ist, um angemessene Analysen herzustellen, eben weil sie massiv ausgrenzend ist: „there is no equivalent of these nomadic stars in Germany. Minorities in Germany, the „guestworkers“, for example, have instead been concentrated at the bottom of the German economy, while Germany’s citizenship laws, conferring automatic citizenship only on those of German „blood,“ have made it impossible for Germany’s immigrant population to amass the political power that could force German politicians to attend to their interests and needs.“2 Die Zugangsvoraussetzungen zur Universität, wie sie derzeit als Institution funktioniert, und von da aus weiter zu linksradikaler Kritik oder zu bürgerlichen Organen der Politik sind sehr hoch. Bei der Frage nach dem revolutionären Subjekt, also danach wer ein Interesse an der massiven Umwälzung der bestehenden Verhältnisse regt und wer revolutionäre Mittel nutzt, kommen wir in erster Linie nicht auf weiße mittelständige Student*innen an deutschen Universitäten. Dann müssen wir uns doch auch die Frage stellen ok, wie können wir dann eine gemeinsame Organisierung und aus ihre heraus entstehende Politik und Theorie herstellen, anstatt auf der Universität als unserem Lebensmittelpunkt zu verharren oder unser Leben auf diese zu vereinseitigen – gerade angesichts der deutschen Politik im Zusammenhang mit dem EU-Türkei-Pakt oder der Asylgesetzverschärfung. Mir geht es mit diesem Argument nicht darum für eine Spontanität und blinde Praxis zu argumentieren, aber schon um die Frage welche Formen sind angemessen um politisch zu agieren und ich bin der Meinung du vereinseitigst zum Gedanken losgelöst von der Form, wenn du schreibst: „Wenn du also sagst, dass emanzipatorische Praxis nicht allein am Schreibtisch gemacht wird, dann würde ich sagen: Doch, genau da fängt sie an – bei der Aneignung theoretischer Werkzeuge, um die Welt zu verstehen und bei der unaufhörlichen Reflexion bezüglich meiner angewandten Mittel, um die Welt zu verändern.“ Das ist in dem Kontext einfach nicht ausreichend.

B: Die von dir genannten ‚academic stars‘ sind doch aber alles durchgehend Akademiker*innen; außerdem ist die Einschätzung meines Erachtens falsch, dass es im deutschsprachigen Raum keine Beteiligung von migrantischen Stimmen gegeben hätte – genannt sei hier nur als Beispiel die Gruppe KanakAttak. (Die machen aber eben keine postkoloniale Theorie und fallen vielleicht deshalb nicht in den Bezugsrahmen von Spivak und Said.) Damit will ich nicht bestimmte Ausschlusskriterien an deutschen Universitäten in Frage stellen, aber ich frage mich, was dieses Zitat sagen will. Es ist ja nicht so, dass Spivak oder Said als Beispiele einer besonders erfolgreichen Inklusion herhalten können, sondern dass sie eher die Ausnahme als die Regel sind.

Damit zusammen hängt vielleicht auch deine Frage nach dem revolutionären Subjekt. Ich bin mir nicht sicher, ob ich wirklich danach suchen würde bzw. stellt sich mir die Frage, was dieses kennzeichnen würde? Weiterhin würde ich mich folgendes fragen: Wenn die mittelständigen Student*innen kein Interesse an der Umstürzung der Verhältnisse haben, wie erklärst du dir dann die 68er oder auch aktuell die Tatsache, dass ein Großteil der Linken aus Student*innen besteht? Die zweite – noch problematischere Frage – ist für mich zudem diese: Wenn die Student*innen kein – evtl. unbewusstes – Interesse an der Beseitigung des Bestehenden haben, wie wäre diese Umwälzung dann überhaupt noch zu rechtfertigen? Ginge es dann nicht tatsächlich nur um die Inklusion von „Ausgestoßenen“ in den Status Quo, weil dieser ja scheinbar schon einen großen Teil der europäischen Bevölkerung ausreichend befriedigt? Insofern frage ich mich, welche Funktion die Suche nach dem revolutionären Subjekt für dich erfüllt?

Dem Konzept eines revolutionären Subjekts, das dann allein in der Lage ist, das Bestehende zu überwinden, würde ich eine Strategie des ‚Fight where you stand‘ entgegen halten; d.h. dass wir alle in Herrschaftsstrukturen verwoben sind und dementsprechend der Kampf gegen das Bestehende an jeder Stelle aufgenommen werden kann. Für mich geht es also nicht darum Universität als Lebensmittelpunkt zu setzen, sondern sie ebenso als soziales Kräfteverhältnis wahrzunehmen. Und in diesem würde ich dafür plädieren, dass es neben einer formellen Ebene (Bspw. Lohnkämpfe, Kämpfe um Freiräume auf dem Campus, etc.) auch eine inhaltliche Ebene gibt, die theoretische Auseinandersetzungen führen sollte. In diesem Lichte gilt es auch jene Formulierung zu betrachten, dass theoretische Auseinandersetzung am Schreibtisch anfangen kann. (Überdies scheint mir deine Verwendungsweise meiner Aussage aus dem Kontext gerissen: An dieser Stelle der Diskussion waren wir meines Erachtens noch gar nicht beim Uni-Kontext angelangt. Ich reagierte damit auf die Aussage von dir, dass du nicht glaubst, „dass progressive linke politische Praxis allein im Zimmer entsteht.“ Meine Formulierung war eine Antwort darauf und eine Betonung der Relevanz theoretischer Auseinandersetzung. Die Frage nach der Form ‚richtiger‘ Auseinandersetzung stellte sich da meines Erachtens noch gar nicht.)

A: In der Textstelle, wo auch Spivak oder Said (als Beispiele für nomadic stars) angesprochen wurden, ging es mir nicht hauptsächlich um sie, sondern um den Verweis auf die Art und Weise wie politische Mitsprache in Deutschland strukturiert ist, was nicht bedeuten soll, dass diese Strukturierung nicht auch durchbrochen werden kann (KanakAttak). Es steht auch nirgends, dass es überhaupt keine Beteiligung von migrantischer Stimmen gegeben hätte. An dem Zitat macht sich deshalb etwas fest, was ich meine auch als einen Grund für das Scheitern der 68er ausmachen zu können und was ebenfalls zum Scheitern für emanzipatorische Politik an der Universität führen kann. Die Texte auf freilassung.net formulieren denke ich gut, welche Praxen die studentische Linke etablierte und dagegen sind postkoloniale und feministische Theorieansätze unglaublich fruchtbar. Die aufklärerische Tradition hat eben auch eine Kehrseite, die in den Auseinandersetzungen an der Universität häufig kultiviert wird: ein totaler Beurteilungsanspruch über die Welt, ohne die eigene Situierung, Möglichkeit der Erkenntnis und Handlungsoption in diese Reflexion mit einzubeziehen. Was in einem solchen Ansatz raus kommt manifestiert sich denke ich in „Flüchtlingspolitik ohne Flüchtlinge“ oder Anschläge auf jüdische Gemeinden von Deutschen im Nachkriegsdeutschland, die unter gänzlichen Ignoranz dieser politischen Position gegenüber durchgeführt wurden. Sie kann nicht einfach mit dem Verweis auf Internationalismus vom Tisch gewischt werden. In anderen Kontexten findet das in akademisch geprägterer Linken weiterhin häufig statt: ein unkritischer Bezug auf Objektivität/bloß subjektiv, Zivilisation/Barbarei, usw. Die umgekehrte Haltung, sich nicht auf diese theoretischen Einflüsse zu beziehen und auch zu rettende Potentiale in einer abstrakten Negation zu verwerfen tendiert häufig ebenso in regressive Richtung oder kann auf andere Weise zur Verschleierung der eigenen Position führen. Aber ich denke, dass hier zu leichtfertig Grabenkämpfe von der klassenkämpferischen Linken eröffnet werden, zumal die Klasse auf die sich bezogen wird, sich auch oft in zweiterer Position der angesprochenen Begriffspaare wiederfindet. Sich gegen eine HerrschaftsKultur im akademischen Sinne durchzusetzen, gilt für mich weiterhin – das ist für mich auch aus anarchistischer Perspektive relevant, insofern als dass sie sich nicht auf einen so gelehrsamen Rahmen beschränken ließ und dadurch sehr zugängliche Diskussionspraxen entwickeln konnte, wo es immer auch darum ging einzelne Stimmen wert zu schätzen.

B: So richtig weiß ich ehrlich gesagt (immer noch) nicht, wo du mit dieser Antwort hin willst. Mir fällt es schwer deinen Punkt zu sehen. Wenn du auf die Kehrseite der Aufklärung verweist, dann scheint es, als würdest du ‚universitäre‘ Auseinandersetzung mit dieser Kehrseite einfach ignorieren. So wie ich das wahrnehme, wirfst du ‚universitärer‘ Theorie generell etwas vor, was sicherlich für hegemoniale Positionen in der Universität zutrifft, aber eben nicht für alle. Und dass diese Positionen hegemonial sind, ist doch letztlich eine Folge dessen, dass die Linke die Universität gerade nicht als Kampffeld wahrnimmt.

A: So wie ich das kenne, produziert die Universität doch aber belesene Menschen in autoritären Sprecher*innenpositionen (Dozent*innen, Professor*innen), deren Theorien ich häufig einiges abgewinnen kann (also linke Theoretiker*innen an der Uni), deren politischer Praxis und Lebenspraxis3, aber verkümmert ist, wobei darüber hinaus auch ihre Theorie verkümmert4. Soweit ich dich verstanden habe, hast du mehrere Gegenargumente dazu: Das Argument, dass in einer Praxis immer Theorie steckt, „genauso wie eine Theorie praktisch wirkt, die meint nur Theorie zu sein.“, kann ich in seiner Dialektik schon anerkennen, aber nicht die These, dass wir uns mit dieser theoretischen Praxis zufrieden geben können, angesichts der gesellschaftlichen Situation (und dabei weiß ich nicht, inwieweit du das überhaupt vertrittst oder, ob wir uns darin missverstanden haben, weil du ja auch die Frage nach der Aufgabe der Theoretiker*innen stellst). Mit deinem anderen Argument fragst du mit Bezug auf die im Kapitalismus antagonistisch verfassten Verhältnisse: „können wir uns eine Form von Wissenserwerb vorstellen, die frei von ökonomischer Abhängigkeit ist? Und das würde ich verneinen, weil die Verlagerung der theoretischen Auseinandersetzung in meine „Freizeit“ mich nicht von der ökonomischen Abhängigkeit befreit. Die Art wie ich dann mein Geld verdiene, würde ebenso – nur auf andere Weise – meine Sicht auf die Welt verändern, wie dies als Dozent der Fall wäre.“ Dabei glaube ich aber, dass du einfach nicht anerkennen willst, dass es Formen der Wissens- und Theorieproduktion gibt, die angesichts des akademischen Kontext vielleicht weitaus ineffektiver sind und weniger auf die Lebenssicherung bzw. materielle Reproduktion der einzelnen Individuen ausgelegt sind (, was ich ebenfalls – zumindest teilweise – für ein Problem halte), die aber politisch radikaleres Potential tragen, weil sie teilweise aus dem Bruch mit oben beschriebener Universität entstehen und teilweise einfach viel geringere Zugangsvoraussetzungen ausbilden. Diese Formen können in sehr intimem Rahmen von persönlichen Gesprächen, über informell organisierte Akademien, Polit/Orga-Gruppen wie der „AKP“ oder „Future is unwritten“ bis hin zu Zeitschriften wie „Gaidao“ oder der „Outside the Box“ reichen. Dabei meine ich schon, dass die Leute von Selbstausbeutung betroffen sind, und ebenso auf diesem antagonistischen Boden stehen, wie die Universität. Es gibt aber Unterscheide in der Einbettung, wobei sie nicht deutlich als Herrschaftsinstitution, sondern als Gegenposition, ins Leben gerufen sind, es gibt auch Unterschiede in der Flexibilität und Außenwirkung, und damit in der Möglichkeit auf die Tagesdebatte reagieren zu können, es gibt Unterschiede in der Themenwahl, in den Möglichkeiten zu veröffentlichen (also was geschrieben werden kann), es gibt Unterschiede auch in der Voraussetzung derer, mit denen zusammen gearbeitet wird, werden kann und den angesprochenen Ausschlüssen. Diese Unterschiede, nicht zu sehen bzw. sie mit dem Verweis auf den Antagonismus der Verhältnisse, in ein „Es ist doch überall der gleiche Kapitalismus.“5 aufzulösen (und so kommt es mir vor), ist denke ich auch unangemessen. Daher rührt auch meine hin und wieder übertriebene Emphase für diese unabhängigeren Kollektive.

B: Es kann schon sein, dass es Formen der Wissensweitergabe gibt, die radikaleres Potential tragen; das Problem, das aber bleibt, ist, wie organisiere ich die materielle Reproduktion dann? Der Rückzug aller emanzipatorischen Kräfte aus der Universität ist für mich einfach keine begrüßenswerte Perspektive… Gerade weil der Arbeitszwang im schlechtesten Fall bestehen bleibt und Menschen, die Lust auf Wissensarbeit haben, sich dann umorientieren müssen, weil diese außerhalb von bestimmten institutionalisierten Kontexten (z.B. Universität) einfach nahezu unmöglich ist. An dieser Stelle würde ich doch fragen, wie viele der Menschen in den Kollektiven, die du nennst (Gai Dao; AKP; …ums Ganze!), sich an Universitäten gebildet haben und wie viele sind auch z.T. noch in diesen aktiv; bzw. wer schreibt dort und wem ermöglicht eine Stelle an der Universität zu schreiben? Gäbe es diese Projekte ohne die Möglichkeit seine theoretische Auseinandersetzung an der Universität finanzieren zu lassen? Und nebenbei gefragt: welches Klientel schreibt da? Von welchem Altersdurchschnitt sprechen wir? Meiner Erfahrung nach doch von einem recht niedrigen, was ich zum Teil auch darauf zurückführen würde, dass bei einem 40-Stunden-Job deutlich weniger Zeit für intensive theoretische Auseinandersetzungen bleibt und noch weniger dafür diese anschließend in Textform zu bringen. Ich will nicht sagen, dass jetzt alle Theoriearbeit leisten sollen. Aber für mich stellt sich doch die Frage, warum sich die Linke teilweise derart bereitwillig aus der Universität zurückzieht und gerade dieses Feld reaktionären und konservativen Kräften überlässt?

Wie kann nun immanente Kritik aber geübt werden? Und erst recht: wie kann immanente Kritik geübt werden, wenn du dich aus der Universität zurückziehst bzw. diese nur als Student nutzt? Dann wird die Kritik in den Universitäten das, was linke Praxis viel zu oft ist: ein kurzfristiges Projekt, das jede Generation für sich neu erfinden muss. Und kommen wir dann nicht genau in die Situation, in der wir sind: Marxistische Ansätze, Kritische Theorie, Plurale Ökonomie usw. werden an den Universitäten nicht gelehrt, sondern stattdessen herrscht affirmative Lehrstoffvermittlung, die die Universität nur als verlängerte Schule ansieht. (Welche ja ebenso zu kritisieren wäre, wenn nicht noch stärker.) Deshalb habe ich deinen Rückzug aus der Universität kritisiert. Ich würde ihm vielmehr eine Strategie entgegenstellen, die danach fragt, wie Universität zu kollektiver Praxis werden könnte. Für mich beinhaltet dies das Nachdenken darüber, wie langfristig widerständige Praxen eingeübt und erhalten werden können.6 Es beinhaltet für mich – und das scheint mir an der Stelle der relevante Punkt zu sein -, dass es auch legitim ist, sich über das Student*innen-Dasein hinaus im Universitätsbetrieb aufzuhalten, um beispielsweise Lehrpositionen einzunehmen. Vielmehr würde ich sogar dafür plädieren, dass die Linke wieder verstärkt versuchen müsste, sich selbst in diese Positionen zu bekommen. Oder anders gesagt: die Verbindung zwischen der Linken als diffuse Bewegung und dem Lehrkörper sollte viel stärker intensiviert werden. Diese Verbindung herzustellen, ist dann meines Erachtens eine Anforderung an beide Seiten.

Die Unterschiede zu anderen Formen der Wissensproduktion sehe ich dabei schon, aber ich nicht in der Deutlichkeit, die du für sie erhebst. Vielmehr sehe ich graduelle Unterschiede, die nicht allein an den Institutionen hängen. Will sagen: in manchen Lesekreisen oder Polit-Gruppen geht es doch deutlich autoritärer zu als in dem ein oder anderen Uni-Seminar. (Und im schlimmsten Fall werden diese Hierarchien nicht mal reflektiert, weil sie informell sind.) Und ich würde meinen, dass du entsprechend radikalere Positionen im Wissenschaftsbetrieb nicht angemessen wahrnimmst, weil diese für dich per se eigentlich nicht radikal sein können.

A: Das bringt mich auf die Wirklichkeitsferne von universitärer Auseinandersetzung. Die einerseits wahrscheinlich etwas mit Theorie zu tun hat, die Abstraktion nötig hat, andererseits aber was mit der Strukturierung: Da in der Universität zwar ideelle Produktion statt findet, also ständig zu dieser angehalten wird (Hausarbeiten, Essays, Papers, BA’s, …), damit aber selten Außenwirkung erzielt wird, habe ich den Eindruck, dass sie häufig lediglich die Form dieser immateriellen Produktion ausprägt. Inwieweit dabei dann wirklich Argumente verhandelt werden, bleibt häufig zurück, auch, wenn ich dir Recht geben muss, dass es in wissenschaftlichem Kontext einen wie auch immer gearteten Anspruch auf „Begründbarkeit der eigenen Ansichten“ gibt, den ich auch für erhaltenswert halte. Die Form, von der ich oben gesprochen habe, ist dann geprägt durch den dauerhaften Antrieb irgendwas zu produzieren (inklusive äußerer Kontrolle und Beurteilung) und, dabei bin ich selbst auch immer nur als Einzelner gesetzt, zumindest insofern, als dass diese Papers, Hausarbeiten, usw. häufig eher für meine Karriere produziert werden als für einen Output in die Gesellschaft oder überhaupt irgendwen anderes als die Kontrollinstanz. Auch, wenn das nicht bei allen so ist, weil eben einige Leute auch die tatsächliche Auseinandersetzung mit dem Thema interessant und wichtig finden, so ist das doch zumindest die notwendige Bedingung und so wie ich das bisher erlebt habe auch, das was die Wissensproduktion in der Universität prägt. Dazu kommt, dass ich in außeruniversitärer Praxis auch häufig enttäuscht von Leuten war, die sich genau diesem dauerhaften Antrieb hingegeben haben und dabei widerständige Praxen und Selbstorganisation vernachlässigt haben – trotz Zusagen. Insofern kann die Universität auch einfach kontinuierliche Auseinandersetzung, wie du sie dort ansprichst verhindern. Die Begründbarkeit der eigenen Ansichten lässt sich auch versuchen außerhalb der Universität zu bewerkstelligen oder inwiefern denkst du, dass sie eine Besonderheit der Universität darstellt?

B: Dieser ganze Absatz zielt meiner Lesart nach vor allem auf den derzeitigen Universitätsbetrieb, den du sicherlich richtig darstellst und den ich auch für kritikwürdig halte. Insofern will ich dir da gar nicht widersprechen und halte das auch für eine zu kritisierende Praxis.

Wenn wir denn über so etwas reden wollen, dann sehe ich die Besonderheit der Universität in in einer befreiten Gesellschaft aber darin, dass diese Frage nach dem Grund der eigenen Position quasi ins Unendliche getrieben werden kann. Die fehlende Notwendigkeit praktisch zu werden, kann schließlich auch vorantreiben in Gedanken und Überlegungen, welche vorher durch eine derartige Notwendigkeit verstellt wurden.

A: Die abstrakte Arbeit in der Uni fußt zwar auf dem Rezipieren anderer Texte (ist also auch kollektive Produktion und Wissenserwerb), insofern aber, dass sie darauf folgend häufig in Uniarchiven verschwinden, ist die notwendige Bedingung der universitären Auseinandersetzung, dass sie meiner Karriere als Einzelnem*er nützt7, also irgendwie bewertbar und angemessen den Autoritäten gegenüber gehalten werden muss8, und nur als untergeordneter Grund die angesprochene Begründbarkeit bzw. die tatsächliche inhaltliche Auseinandersetzung. Wenn es jetzt so wäre, dass Leute sagen jo – ich kann diesen Auseinandersetzungen etwas abgewinnen und mache das, weil Studium erstmal eine vergleichsweise angenehme Position ist und, weil ich Kohle damit verdienen will, dann ist das was anderes, als wenn die ganze Zeit auf inhaltliche Auseinandersetzung insistiert wird. Ein positiver Selbstbezug lässt sich in diesem Rahmen nicht herstellen (und ich glaube in unserer Position sowieso fast nie) bzw. tendiert in regressive Richtung. Warum? Vollends in den Auseinandersetzungen dieser Struktur aufzugehen, ohne den Wunsch nach der eigenen Vergütung dabei in den Vordergrund zu stellen oder wenigstens zu erwähnen, ist für mich ein unhaltbarer Idealismus oder Verkennung dessen, was massiv prägend für die Universität ist. Falls du das für einen „einseitigen Uni-Bash“ hältst, fällt mir als einziges Argument, dass du mir noch geschrieben hast, folgendes ein: „Ich habe nicht vom Kern der Wissenschaft geschrieben, sondern von ihrem Anspruch nach der Begründbarkeit der eigenen Ansichten. Und dies habe ich als emanzipatorischen Kern bezeichnet, den ich gern erhalten würde und an dem ich festhalte. Und ich würde ihn insofern der Wissenschaft zuschreiben, da es meines Wissens nach jener institutionelle Kontext war, der aufgrund eben dieses Anspruchs sich über sich selbst hinaus getrieben hat.“ Einerseits sind wir hier wieder bei Wissenschaft und das hat sich (mit Universität) ziemlich schnell vermischt bei unserer Diskussion, andererseits weiß ich einfach nicht was du historisch mit sich selbst über sich hinaus treiben der Wissenschaft meinst. So wie du es schreibst wäre es ein über diesen Kontext hinaus treten, wonach ich immer frage. Aber was meinst du – in emanzipatorischer Richtung?

B: Also zum einen lese ich hier ein starkes Entweder-Oder bei dir, was ich nicht teilen würde. So wie du es darstellst, kann es entweder eine Arbeit in der Universität geben, die sich rein auf meine materielle Reproduktion bezieht, ohne inhaltliche Bindung; oder aber es gibt eine inhaltliche Bindung und dann resultiert daraus eine Blindheit gegenüber den eigenen Arbeitsbedingungen. Ich würde es aus eher folgendermaßen formulieren: erst die Reflexion auf meine eigenen Abhängigkeitsbeziehungen (materiell und ideell) ermöglicht mir einen angemessenen Kampf ausgehend von meiner sozialen Stellung. Was ich an deiner Argumentation nicht verstehe, ist, warum du den Anspruch auf ein gutes Leben derart schnell einzuziehen scheinst: Denn für mich liest sich dein „Kohle verdienen“ als Aufgabe des Anspruchs, dass das womit ich Geld verdiene, auch als angenehm erlebt wird. Ich hingegen würde den Anspruch auf Selbstverwirklichung aufrecht erhalten – die problematischen Aspekte reflektierend aber nicht als Selbstverwirklichung gegen die Anderen, sondern als Selbstverwirklichung mit den Anderen.

Als Beispiel für eine Wissensproduktion, die über sich selbst hinaustreibt, fällt mir v.a. Galilei ein, der die eigene Position derart ausführlich begründen wollte, dass er schließlich die eigenen Denkmaßstäbe infrage stellte. Kant und Hegel könnten, denke ich, ähnlich interpretiert werden, auch wenn sie zum Teil ideologisch argumentieren. Der Gedanke von mir ist der folgende: Die konsequente Verfolgung eines Gedankens bis auf seinen Grund kann schließlich zur Infragestellung des Bestehenden führen, weil die derzeitigen Verhältnisse eben nicht auf Vernunft, sondern auf Herrschaft von Menschen über Menschen beruhen.

A: Wenn ich von Kohle verdienen spreche dann geht es mir darum meine Missachtung dieser Strukturierung gegenüber auszusprechen. Der Anspruch auf ein gutes Leben, verbindet sich bei mir mit ausreichend Lebensmitteln, Dach über dem Kopf, Freunden, lesen, Leute die ich streichle und umgekehrt, kreatives Zeug usw. und nicht mit „Kohle verdienen“. Keine Ahnung, das ist ein anderes Thema und mir ist schon klar, dass ich Kohle brauch. Ich find auch es ist wichtig ein Gespräch darüber eher zu forcieren, um Teile eines guten Lebens miteinander zu verwirklichen, aber mit Geld als Geld verwirklicht sich nichts von mir. Um nicht vom Thema abzuweichen: So wie du es für Galilei beschreibst, habe ich eben Kritik an einer akademischen Linke, die sich wie ich es wahrnehme häufig mit dem zufrieden gibt, was du an diesem Beispiel beschreibst und, was nicht das ist wonach ich fragen wollte: ein dauerhaftes Hinterfragen des Bestehenden, was zur Infragestellung des Bestehenden in abstrakter Totalität führt und dann? …häufig ein Gedanke, der sich nicht emanzipatorisch verwirklicht, sondern bei dem inne gehalten wird und dessen Verwirklichung dann eher linke Identitätsbildung in abgegrenztem Weltpessimismus beinhaltet, als einen herrschaftskritischen Anspruch. Das meine ich auch mit realitätsfern und darum gings mir auch im Verweis auf allein am Schreibtisch, dass sich die Frage der Form an dem Punkt noch nicht stellt, sehe ich aber ein. Dabei meine ich mit Verwirklichung auch nicht eine 1 zu 1 Umsetzung, sondern eher ein auszudiskutierendes homogenes Bewusstsein wie bei Gramsci, was ich als eine Voraussetzung für intentionales kollektives Handeln begreife.

B: Aber das ist doch gerade der Punkt: es gibt keinen emanzipatorischen Gedanken, der sich emanzipatorisch verwirklicht. Es gibt nur das Handeln bestimmter, spezifischer Akteure. Keine Theorie ist an sich bereits emanzipatorisch – ist das nicht die Lehre, die wir aus den Gulags und der Sowjetunion ziehen können? Ich würde nicht sagen, dass der Marxismus nur emanzipatorisch ist; aber er trägt das Potential der Befreiung in sich. Doch selbst diese Theorie konnte grausame Verbrechen hervorbringen. Wie es dazu kam, gilt es zu reflektieren und ich denke der Fehler liegt auf theoretischer Ebene insofern, dass angenommen wird, dass die Theorie uns den Weg en detail weisen könnte. Gerade das kann sie aber nicht, sondern sie kann uns helfen, unsere Bedürfnisse zu befriedigen und über unsere Verhältnisse zu reflektieren. Handeln müssen wir aber schon selbst und das müssen wir anerkennen: Es gibt keinen Weltgeist, kein Proletariat, kein Volk, das wir verwirklichen müssen, sondern es gibt konkrete Bedürfnisse, von denen auszugehen ist.

A: Wie ich dich bisher verstanden habe bleibt mein Argument im Sinne von getrennt von der Wirklichkeit also immer noch so: Uni ist Wirklichkeit, indem sie formal für eine Gesellschaft kultiviert, deren Verhältnisse Herrschaftsverhältnisse sind.9 Uni ist nicht Wirklichkeit, indem sie vorgibt inhaltliche Auseinandersetzung als prioritäre Aufgabe zu haben. Insofern ist Uni in dem Punkt getrennt von der Wirklichkeit, als dass sie eine Priorität behauptet, die mir auch wichtig ist, wobei aber gleichzeitig diese Auseinandersetzung zum bloßen Diskussionsgegenstand verkommen, indem sie seltenst einen Zugang zur Praxis am Gegenstand haben, über den diskutiert wird, sondern eine verschleierte Praxis einübt. Es ist also so, dass ich das, was du als einen emanzipatorischen Kern der Wissenschaft und Universität begreifst (und wovon ich nicht verstehe, warum du meinst, dass es nicht sinnvoll ist es getrennt von ihr zu versuchen umzusetzen), auch sehe, aber eben nicht als ausschlaggebend beschreiben würde.

B: Als ausschlaggebend würde ich ihn auch nicht beschreiben; habe ich meines Wissens auch nicht. Aber als erhaltenswert. Diese Erhaltung kann für mich aber eben auch in der Universität stattfinden: Wenn ich nun davon ausgehe, dann gelange ich zu der Frage, wie mit dem derzeitigen Universitätsbetrieb umgehen, an dem wir beide scheinbar ähnliche Kritiken haben. Denn mir ging es nie (!) darum den derzeitigen, noch irgendeinen vergangenen Universitätsbetrieb zu verteidigen. Allerdings sehe ich in ihr ein Potential und dieses denke ich lohnt es zu erkämpfen. Das ist der Punkt, mit dem du schließt und der für mich der zentrale war und die These, die ich die ganze Zeit machen wollte. Während er aber für dich Schlusspunkt ist, würde bei mir an dieser Stelle die Überlegungen zur politischen Praxis anfangen. Wie sieht diese immanente Kritik aus? Wie kann sie geübt werden? Wo soll sie hinführen? Was gilt es zu überwinden? Dann greifen einige Kritikpunkte, die du vorbringst, aber meine Schlussfolgerung wäre eben nicht Rückzug aus der Uni, sondern ihre Aneignung. Gerade diese scheint aber auf universitäre Formen selbst zurückgreifen zu müssen – sonst würden ja nicht permanent Denker*innen wie Spivak, Said, Bhabha (und andere) genannt. Die Kritik an der Universität kann sich – so scheint es mir – nur in ihr äußern und dafür muss sie sich zum Teil an deren Formen anpassen. Heißt: Um Theorien immanent kritisieren zu können, müssen sie verstanden werden; den ideologischen Charakter von Hegel konnte Marx zum Beispiel nur entschlüsseln, indem er ihn studierte. Die Erkenntnis, dass Geschlecht eine Konstruktion ist, machte Butler aufgrund ihres Studiums; allein eine Vermutung hätte wohl nicht derart dazu beigetragen, wirkmächtig zu werden. Und ja natürlich kann ein Studium auch in Eigenregie stattfinden; aber dann lässt sich doch fragen, inwiefern werden da Formen aus der Universität auch reproduziert? Bzw. wird da nicht derselbe emanzipatorische Kern der Wissenschaft in Anspruch genommen, nur auf jeweils unterschiedliche Weise? Und während du vielleicht sagst, dass er in den (mehr oder weniger) selbst gewählten Initiativen deutlicher zutage tritt, würde ich das meiner Erfahrung nach zum Teil stark in Zweifel ziehen. Denn linke Lesekreise, Vorträge usw. sind oft auch exklusiv und reserviert für ein bestimmtes Publikum. Überhaupt könnte gesagt werden, dass Exklusivität als Argument mit Vorsicht zu betrachten ist: Ich glaube ungefähr 30-40% eines Geburtenjahrgangs landen in Deutschland mittlerweile an Hochschulen. Auch wenn da selbstverständlich ein riesiger Bias drin ist – im Sinne davon, dass vor allem Kinder von Akademiker*innen studieren -, dann heißt das trotzdem, dass die Universität sich zunehmend öffnet. Wenn ich mir gleichzeitig die Linke anschaue, dann würde ich wirklich stark in Zweifel ziehen, ob die Quote an Kindern von Arbeiter*innen dabei so viel größer ist. (Anspruch und Wirklichkeit müssen hier notwendigerweise getrennt werden; schließlich laboriert die Linken seit Jahrzehnten daran herum, wie sie sich öffnen kann, ohne dies aber wirklich zu schaffen.)

A: Ich hab letztens 58 % gelesen und das ist für mich auch insofern überzeugend, als dass ich glaube, dass die Öffnung, die du ansprichst auch eine Breitenwirksamkeit zumindest erzielen kann: Trotzdem stellen sich für mich anschließende Fragen, die auf den Bias hinweisen und sich aus dem Umgang, der sich aus der formalen Kultivierung von gesellschaftsrelevanten Inhalten und Auseinandersetzung in Herrschaftsstrukturen ergibt: „Wer versteht das? Wer hat die Zeit für abstraktes Denken, wer gibt sich ernsthaft Mühe abstraktes Denken so zu formulieren, dass es nicht nur Akademiker*innen nachvollziehen können?“ Und was können Akademiker*innen lernen bzw. inwiefern ist ein anderer Kontext, dann eben befruchtend für Theorieproduktion und Breitenwirksamkeit der Debatte, weil es nicht die Akademiker*innen und der universitäre Kontext ist, der das Gro der Gesellschaft ausmacht, ohne das eine revolutionäre Umwälzung nicht möglich ist? Aus diesen Gegenargumenten, Fragen und Zweifeln resultiert mein Wunsch an anderen Orten Selbst-/Bildung zu betreiben und gemeinsam zu Kritik zu kommen. Ich glaube immer noch das selbstorganisierte Strukturen dafür besser geeignet sind, nicht aus dem Wunsch sich aus der „Gesellschaft zu ziehen“ oder irgendwie abzusondern, sondern aus dem Wunsch in der Gesellschaft zu bleiben oder kurz, neben den abstrakten Höhen auch auf den Boden zu kommen. Ich hab in der ganzen Diskussion den Eindruck, dass du gar nicht reflektierst, dass diese akademischen Auseinandersetzungen ebenso ein Elfenbeinturm (…oder sag Absonderung) sondergleichen sind. Ich glaube also nicht, dass selbstorganisierten Räumen, Kollektiven usw. der vermeintliche „Besitz einer Wahrheit“ eingeschrieben ist, von der andere nur überzeugt werden müssen. Leider passiert das häufig, aber auch da frage ich mich, wie du den Vorwurf in eine Richtung machen kannst und dabei gleichzeitig nichts zur selben Thematik in Universität und Wissenschaft verlierst.

B: Ich bin mir nicht sicher, ob der Elfenbeinturm die richtige Beschreibung ist. Wenn ich mir anschaue, wie dieser Vorwurf oft gebraucht wird – und ich meine, dass deine Verwendung nicht frei davon ist – dann wird er meist genutzt, um die Unzulänglichkeiten der Theorie zu kritisieren. Dies aber nicht durch eine Auseinandersetzung mit der Theorie, sondern einfach mit einem Verweis auf ihre angebliche Realitätsferne. Doch was sagt das? Sind Hegel oder Adorno aufgrund ihrer abstrakten Sprache nicht ebenso eine Form von Wirklichkeit? Was drücken sie aus und sind ihre Gedanken nicht weiterhin fruchtbar? Was sagt der Elfenbeinturm anderes aus, als dass wir in einer arbeitsteiligen Gesellschaft leben? Ich frage mich, ob du ähnlich Auseinandersetzungen mit Tischler*innen, Elektroniker*innen usw. führst, wenn diese sich in einer für ihr Fach angemessenen Sprache unterhalten. Theorie sollte übersetzbar bleiben und sich darum bemühen sich auch verständlich zu machen; aber sie muss sich nicht dafür schämen Spezialdiskussionen zu führen, wie dies in anderen Bereichen ebenfalls der Fall ist.

Weiterhin frage ich mich, warum du dich an keiner Stelle fragst, warum informelle Hierarchien bei (fast) allen selbstorganisierten Räumen immer wieder entstehen und ob jene kollektive Form der Wissensproduktion wirklich derart inklusiv und emanzipatorisch sein kann, wie du es für sie einforderst. Für mich folgt daraus vielmehr der folgende Schluss: Weder (vermeintlich) repressive Praxis (Universität) kann emanzipatorische Theorie endgültig blockieren, noch kann (vermeintlich) emanzipatorische Praxis sicher zu Emanzipation führen. Was für mich bedeutet, dass es keinen Primat der Theorieproduktion gibt.

A: Bei dem Schluss würde ich dir zustimmen, obwohl ich schon sagen würde. Ich glaube trotzdem das Theorie unerlässlich ist, auch auf dein Beispiel bezogen: Ob ich mich als Tischler*in spezialisiere oder nicht, hat nichts damit zu tun, dass ich der Meinung bin einen totalen Welterklärungsanspruch (wie bei Kant, Hegel,…) zu formulieren. Dann kann ich Tischlern. Es lässt sich jetzt auch fragen, ob die Beurteilung der Welt eben das Handwerk der Philosophi*innen ist und dem Handwerk des Tischlerns gleichgesetzt werden soll. Ich halte es aber für weitaus problematischer Weltbeurteilung zu spezialisieren, eben ob der politischen Implikationen und eines Großteils der Bewohner*innenschaft der Welt, die tendenziell aus diesem Beurteilungskontext ausgeschlossen sind, obwohl sie eine Beurteilung und politisch relevante Haltung haben können und haben. Auf Deutschland übertragen wollte ich diesen Punkt mit dem Verweis auf den Universitätskontext und das Fehlen der „nomadic stars“ machen. Auch meine Frage nach dem revolutionären Subjekt zielt auf die Kritik an der durch Abgrenzung etablierte Subjektwerdung, der sich die antikapitalistische Linke häufig zu wenig bewusst ist, ohne, dass ich damit das revolutionäre Subjekt auf irgend einen substantiellen „Menschentypus“ fest schreiben wollte. Eine Standpunkttheorie bleibt aber insofern relevant, als das Interessen von den jeweiligen Positionen beeinflusst sind und ich finde nicht, dass es in Interessensallianzen – die ich ebenfalls für eine der wichtigsten Formen der transformativen Organisierung halte – in erster Linie um die Orientierung an weißer deutscher Student*innenschaft geht. Damit will ich mir und dir und anderen weißen deutschen Student*innen nicht komplett das ernsthafte revolutionäre Interesse absprechen, diese nicht auch verwirklicht sehen oder den völligen Rückzug aus der Universität proklamieren. Ich will auch nicht inhaltlich sinnvolle Auseinandersetzung an der Universität abschaffen. Das Weitertragen der klassenmäßigen und rassistischen Struktur, trotz des Bildungsbooms, an der Universität sprechen aber dafür, dass wir Gefahr laufen in dem Standpunktinteresse aufzugehen, je mehr wir unsere Lebensrealität auf die Universität verengen. Auch, wenn ich anerkennen kann, dass es eine realistische Perspektive ist, die Kräfteverhältnisse in der Uni als solche wahr zu nehmen und anzugehen, finde ich das manchmal ziemlich isoliert betrachtet bei dir. Dem Standpunktinteresse und der Isolation gilt es durch kontinuierliche Selbstkritik und außeruniversitäre Praxis und Theorie vorzubeugen.

B: Ich denke an dieser Stelle ist Gramsci wirklich hilfreich: Er geht prinzipiell davon aus, dass alle Menschen Philosoph*innen sind, da jede*r die Welt interpretiert, deutet und auch bewertet. Insofern kann dies wahrscheinlich gar nicht spezialisiert werden. Darüber hinaus gibt es aber Menschen, die sich darauf spezialisieren Wissen zu erforschen und zu bearbeiten. Sie sind dann in der Lage die verschiedenen Theorien, die sich im ‚Alltagsverstand‘ unterschiedlich niederschlagen, auseinander zu nehmen und sie somit für eine Reflexion darauf zugänglich zu machen. Althusser greift diesen Aspekt, glaube ich, auf, wenn er schreibt, dass es ein theoretisches Objekt und ein reales Objekt gibt. An beiden kann gearbeitet werden und insofern ist eine theoretische Auseinandersetzung als Arbeit am theoretischen Objekt zu verstehen, welche uns unterschiedliche Perspektiven auf dieses geben kann. Daraus muss meiner Meinung nach aber kein Führungsanspruch für Philosoph*innen resultieren, sondern vielleicht höchstens eine Beratungsfunktion. Wenn ich nicht irre, findet sich bei Bakunin eine ähnliche Vorstellung: So wie ich mir Rat bei Tischler*innen holen kann, wenn ich einen Tisch bauen will, ist es letztlich meine Entscheidung, wie ich den Tisch schließlich baue. Insofern geht es also darum genau dieses Selbstbewusstsein und Wissen zu kultivieren, dass Menschen sich auch in der Lage sehen, unterschiedliche Argumente gegeneinander abzuwägen. Dies geschieht gerade aber weder ausreichend in den staatlichen Bildungseinrichtungen (Schule, Universität, etc.), noch in der radikalen Linken.

An dieser Stelle würde ich gern noch fragen, was du mit Standpunktinteresse meinst? Für mich wäre der eigene Standpunkt nämlich ein relativ wichtiger Begriff, insofern dass ich denke, dass jede*r zunächst dort kämpfen sollte, wo er*sie sich im sozialen Feld befindet. Denn während wir sicherlich alle von unterschiedlichen Herrschafts- und Unterdrückungsverhältnissen betroffen sind, scheint es mir doch eher eine Blockade emanzipatorischer Politik zu sein, sich zunächst auf die „am meisten Unterdrücktesten“ zu konzentrieren. So wie ich dich verstehe, scheint es manchmal bei dir auf so etwas in der Art hinaus zu laufen – zum Beispiel da, wo du von revolutionären Subjekten sprichst. Wenn es das aber nicht gibt, dann gilt es jene Lebensbereiche, in denen ich mich bewege, möglichst emanzipatorisch zu gestalten. Dafür braucht es aus anarchistischer Sicht eine kollektive Organisation, die die Strukturen dieser Lebensbereiche radikal transformiert. Anknüpfend an frühere anarchistische Gedanken würde ich sagen, dass es sowohl Räte auf Arbeit und in den Wohnvierteln braucht; dass wir also unser Arbeits- und Wohnumfeld politisieren müssen, um perspektivisch emanzipatorische Politik zu machen. (Denn läuft nicht jede Form der Organisation entlang von Ideen letztlich doch wieder auf eine Repräsentationslogik wie in der bürgerlichen Politik hinaus?)

A: Mit Standpunkttheorie meine ich die Verknüpfung von Erkenntnismöglichkeit und Position in gesellschaftlicher Struktur. Sofern ein Mensch ein ökonomisches Interesse in Herrschaftsstruktur an seiner Erkenntnis hat, wird es schwerer die gegenseitige Bedingtheit aufzulösen, was Teilaspekt einer anarchistischen Theorie (ich meine hier auch nur Theorie) sein muss, um das Potenzial zu bewahren, dass sie als über das Bestehende hinaus weisende hat. Die Art und Weise den Begriff zu füllen, die du meinst, finde ich auch wichtig und mir ist an einer Verknüpfung eines politischen Standpunktes mit der gesellschaftlichen Situierung gelegen, ähnlich wie du von „Fight where we stand“ sprichst. Trotzdem würde ich gern weiter darüber nachdenken, wie sich diese beiden Punkte vereinbaren lassen ohne in ein „Es ist überall der gleiche Kapitalismus“ zu verfallen und real ungleiche Unterdrückungsverhältnisse gleich zu reden. Dabei geht es mir, wenn ich von revolutionärem Subjekt spreche, nicht um die Suche „nach den am meisten Unterdrückten“, sondern neben dem Aspekt, von dem ich oben geschrieben habe auch um Zusammenschlüsse mit Menschen, die Unterdrückung erfahren, die sich so wie die Universität gerade eingerichtet ist nicht als akademisches Wissen formulieren lassen. Ich kann mir breitere Zusammenschlüsse dieser Art auf Basis der Universität nur schwer vorstellen gerade, weil ich die akademisch Linke mit ihrer Prinzipientreue, statt Interessens- und Bedürfnisorientierung kenne. Mir fallen außerdem eher wenig Beispiele ein, bei denen die akademische Linke über sich hinaus kommt, zuhört und dann Handlungen ableitet, anstatt mit dem Vorurteil des eigenen Rechts daher zu kommen. Entwicklung von Methoden wie „militante Befragung“ oder ähnliches sind wie ich finde seltene Ausnahmen, die unter anderem Wissenschaftler*innen zugeschrieben werden können10. Gleichzeitig kannst du autonomen oder postautonomen Linken diesen Vorwurf ebenso (und wahrscheinlich noch stärker) machen. Darüber will ich ja nicht hinweg täuschen.

Die angesprochenen Fragen und Gegenargumente lassen mich weiterhin an einer Orientierung auf außeruniversitären Kontext (auch in inhaltlicher Auseinandersetzung) für anarchistische Politik festhalten, ohne, dass ich damit Kritik in universitärem Kontext an ihm – also interner Kritik – für unnötig halten würde. Insofern stimme ich dir zu: Wir sollten die Universität als Kampffeld begreifen, eine grundsätzliche Orientierung, die über den Kontext hinaus weist, ist für mich trotzdem Priorität (gerade wenn du den „Alltagsverstand“ ansprichst, finde ich es wichtig außeruniversitäre Philosophie zu betreiben.) Dabei bin ich mir nicht sicher, auch weil ich weiß, dass wir beide 2-gleisig fahren, wie weit wir in diesem Punkt voneinander weg sind. Ich habe das in einer der ersten Mails schon geschrieben: „Ich glaub, wenn Uni ein „politisches Kampffeld“ ist, dann eher für Kritik an dieser Form“. Gerade im Bezug auf eine Anmerkung in einer deiner letzten Mails frag ich mich, ob du wirklich meinst, dass wir das sind: „Bis dahin dient sie mittels der Betonung dieses Ideals ja gerade auch deren Verschleierung. Es könnte aber gerade deshalb gegen sie genutzt werden.“ Was soll das anderes sein als die eigenen Ideale gegen sie zu nutzen, wenn ich von interner Kritik rede: Es geht darum in diesem Kontext diese Widersprüchlichkeiten aufzudecken und abzuschaffen oder nicht?

1 Zur Reflexion dessen, würde ich gern die folgenden beiden Texte im Bezug zu den revolutionären Zellen empfehlen, wobei einerseits in Selbstreflexion gravierende Fehler erkannt werden „Das Ende unserer Politik“ und einige Probleme formuliert werden, vor der die radikale Linke immer noch steht: http://www.freilassung.de/div/texte/rz/zorn/Zorn05.htm Andererseits werden im 2. Text die deutschen Verhältnisse kritisiert, die immer wieder in der „radikalen Linken“ zu Tage treten: http://www.freilassung.de/div/texte/rz/melange.htm Der Text wurde von der Gruppe m.e.l.a.n.g.e. aus Bremen veröffentlicht und heißt „We don’t like your love-song“.

2 Aus der Einleitung in „Imperialist Imagination“ von Sara Friedrichsmeyer, Sara Lennox, und Susanne Zantop

3 Zur Situationistischen Revolution heißt es von Anselm Jappe in Ausgabe 8 der Exit: „Die Revolution der Formensprache in der modernen Kunst und Kultur sollten vielmehr als Modell einer Auflösung der traditionellen Lebensformen und der Erfindung neuer dienen. Und das wiederum, so Debords Argumentation, müsse als revolutionärer Prozess organisiert werden, denn ansonsten würden diese Auflösungsprozesse nur der Reorganisierung des Spektakels dienen.“ Dort treffen sich die Vorstellungen der S.I. trotz ihrer unreflektierten Männlichkeit mit der Reorganisierung unserer Reproduktion und den Vorstellungen der Care-Revolution.

4 „Das idealtypische Bild des kritischen Gesellschaftstheoretikers ist das des einsamen Kritikers. Dieses Bild, das sich jeder Art von regressivem Kollektiv verwehrt, ist das des bürgerlichen, autonomen, männlichen Subjekts. An ihm fügen sich die beiden konstitutiven Elemente der bürgerlichen Subjektivität, Autonomie und Naturbeherrschung, zusammen. Das Versprechen der Freiheit des Individuum ist nicht zu trennen vom notwendigen Ausschluss der Frau von dieser Subjektivität. Das Argument, dass auch Frauen heute der Status von Rechtssubjekten zukommen, verschweigt den Kern der bürgerlichen Subjektkonstitution: die notwendige Abtrennung der eigenen Natur und Projektion auf die Frau, die zum Nicht-geistigen, körperlich-naturhaften wird. Das klassische Geschlechterstereotyp vom männlichen Intellektuellen verlängert sich unreflektiert in die Szene der kritischen Theoretiker hinein.“ Veronika Lechner und Katharina Lux in der Outside the Box zum Thema Form: „Komm in Form“

5 Das ist kein Zitat, sondern eine Floskel.

6 Autonome Tutorien als von den Student*innen selbst-organisierte und finanzierte eigenständige Tutorien sehe ich dabei als eine wichtige Institution. Darüber hinaus gilt es für eine Demokratisierung an den Hochschulen zu kämpfen; aber auch für Räume der Selbstverwaltung. In diesen Kämpfen steckt schließlich jede*r Student*in bereits drin und damit sind wir selbst das revolutionäre Subjekt, von dem du sprachst.

7 Das inklusive den oben angesprochenen Vorreitern der Theorieproduktion in westl. Kontext „die großen Einzelnen“, ist es was ich mit „institutionalisiertem Individualismus“ meinte.

8 „Mag sein, dass dieses methodische, funktionale Denken, welches sein Modell an den mathematisierten Naturwissenschaften hat, sich in sich selbst reflektiert – auf sich selbst als spezifische Denkform reflektiert es eben gerade nicht. Und so gilt für das Denken in den Naturwissenschaften speziell ebenso wie für das moderne Denken allgemein folgendes: ‚Es gibt kein Kriterium, das außerhalb des methodischen Vollzugs der Wissenschaft stehend die Angemessenheit der Methode an den Gegenstand feststellen könnte, das aber zugleich den methodischen Kriterien der Wissenschaft selber Genüge leisten müßte. Entweder entspricht es dem Standard der Methoden, dann ist es selbst Methode, oder es liegt außerhalb des methodischen Vollzugs, dann ist es nicht wissenschaftlich.’“ Jörg Ulrich in der Exit: „Das moderne Subjekt als gewalttätige Null“ – Er zitiert Heinrich Brinkmann: Zur Kritik der Wiederspiegelungstheorie

9 Das meine ich nicht im Sinne von sie holt irgendwas von draußen in die Gesellschaft, sondern im Sinne von sie trägt in besonderem Maße (wie oben beschrieben) zu dieser Kultivierung bei.

10 Die militante Untersuchung der Gruppe felS ist hier ein gutes Beispiel, wo an konkreten Interessen und Breite orientierte Organisationsansätze mit Bezug auf das Jobcenter Neukölln diskutiert werden. http://fels.nadir.org/de/material/broschuere-militante

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