Via Campesina

Sitzt Strahlkraft
Stadttlandverbrauch
er Selbstorganisation
Bleiben nicht hier
orten die Muße
Zapatisten
in die viele Welten passen
Unterfüttern
Weite nicht vergessen
andalusische Bauern
heute heute heute
Graswurzel zu unterwachsen, zersetzen
Zur Zukunft umwälzen im Nichts

Rede zur Einweihung des Mural „Via Campesina“1 (english Version below)

Wir leben in Zeiten europäischer Reaktion und neoliberaler Rundumschläge wie zuletzt beim Arbeitsgesetz in Frankreich. In Deutschland merken wir das spätestens seit Ende 2014 mit Pegida und der AfD sowie den Überfällen auf Nicht-Weiße und deren Unsichtbarkeit, die mit der Zahl der Polizisten an den Bahnhöfen wächst. Wir merken das an den Hartz Gesetzen2 und daran, dass wir auch in Momenten, in denen wir uns nichts vorgenommen haben den Eindruck nicht los werden irgendetwas tun zu müssen und wir merken das an unser Bekannten und Freund_innen, die auf Grund ihrer psychischen Verfasstheit oder einfach körperlicehr Schwäche nicht auf dem ersten Arbeitsmarkt bestehen können.

In diesem manchmal ausweglos erscheinenden Dickicht ist es eins der größten Kunstwerke einen Ort wie Sehlis zu schaffen. Das meine ich gar nicht metaphorisch. Es zeugt von brennender Schaffenskraft, kreativem Umgang mit den gegebenen Mitteln und ruhig, klarer Überzeugung eine solche Halbinsel in den hektischen Fluten der heutigen Verwertungslogik zu schaffen. Hier wird während des Produzierens trotz gesamtgesellschaftlicher Maßgabe kapitalistischer Konkurrenz die Ahnung einer Wirtschaft aufrecht erhalten, die auf Solidarität beruht und an Bedarf orientiert ist. Dabei wird die Produktion nicht ineffektiv oder idealistisch. Wir müssen bedenken, dass hier 800 kg Gemüse pro Woche abtransportiert werden und dabei geht es trotzdem noch diese Ahnung. Eine Wirtschaft, die niemanden am Existenzminimum oder darunter zurück lässt. Damit ist Sehlis ein heterotoper Ort – ein wenig ausformulierter Begriff Foucaults, bei dem es darum geht, dass ein geistiger Gehalt in einer bestimmten materiellen Umgebung verankert ist und durch gepflegte Kultur und Rituale an diesem verankert ist. Diese Kultur der Ahnung einer besseren Welt, die tatsächliche also kollektive Selbstverwaltung für alle Menschen bereit hält, knüpft sich hier nicht nur ans Produzieren und Reproduzieren. Diesem Ort wird von den Bewohnenden und Produzierenden eine Offenheit bewahrt, die es Gegner_innen des Kapitalismus und noch Unentschiedenen ermöglicht zusammen zu kommen, Muße zu finden, Zeit für Diskussion und zum Austausch zu haben – so auch uns Malenden, bei denen sich die Unentschiedenheit allerdings in Grenzen hält: einem Streetartist, einer Druckerin, einem Kunstpädagogen und einem Drucker. Wie ihr wahrscheinlich hört: Niemand von uns ist erfahren mit Silikatmalerei an Wänden. Diese Fassade war ein Versuch und wem die dilletantische Ästhetik zu unausgefeilt ist, der kann sich einmal mehr bei der Kommune für die Möglichkeit bedanken auch nicht-professionelle Künstler_innen – also uns – ans Werk zu lassen. Wir hatten genug Geld, Essen, Platz und Material um das Mural zu fertigen. Das alles ohne belanglosen bürokratischen Arbeitsaufwand irgendwelcher Projektanträge – das haben Menschen der Kommune für uns übernommen, sondern beruhend auf direkten Absprachen. Es ist traurig das erwähnen zu müssen, aber die Arbeitsumstände von Künstler_innen und Kulturarbeiter_innen sehen heute und ich spreche noch Größtenteils von Normalzuständen westlicher Industriestaaten anders aus. Gerade mal 5 % der Künstler_innen können sich mit ihrem Beruf dauerhaft ihr Leben finanzieren. Von daher sind wir im realistischen Vergleich dankbar und wütend. Dankbar, dass linksradikale Selbstorganisation das ermöglicht – häufig schafft sie es auch nicht, wütend, dass es die finanzielle Umstände zu etwas Unüblichem machen, dass Künstler_innen aus verschiedenen Ländern für Austausch und sozialpolitische Projekte außerhalb institutionalisierter Rahmen zusammen finden. Wir hoffen daher mit der Wandmalerei unseren Teil zur Außenwirkung oder wie es ein Freund während eines Gesprächs im Arbeitsprozess nannte „Strahlkraft“ dieses Ortes beigetragen zu haben.

Vielleicht schaffen wir es damit der Isolierung und Privatisierung vorzubeugen, der Kommunen wie Sehlis oder auch Hausprojekte häufig anheim fallen, indem sie als ein moralischeres Angebot unter vielen auf dem Markt verschwinden. Wir wollen ihren politischen Gehalt ins Bewusstsein rufen und sie in der Historie verorten aus der sie kommen – der Historie der anarchistischen Kommunen, sozialistischen Genossenschaften, Besetzungen und Kämpfe um Land und Autonomie, anstatt sie als reine Selbstermächtigungsprojekte zu verstehen. Wir machen das, indem wir unseren Gehalt einladend nach außen zu kommunizieren versuchen: Es geht um eine sozial-revolutionäre Doppelstrategie des Aufbaus eines besseren Lebens jetzt und dem Kampf gegen allumfassende Verwertungslogik und das Eigentum an Produktionsmitteln, die das bessere Leben verhindern. Wir hoffen in den metaphorischen Floskeln an der Wand einen Ausdruck für den Gang dieser Strategie gefunden zu haben, der die Gefahr der Vereindeutigung meidet und unserer heutigen Suche, in der zeitgemäße antikapitalistische Wege experimentiert werden müssen, gerecht wird. Ein besonderes Anliegen war uns dabei der Austausch mit den Menschen vor Ort, sowie die Erinnerung an andere Bewegungen und Landkämpfe, die in einzelnen Ausschnitten und Symbolen aufgegriffen werden.

Die Frau mit dem Spaten entstammt einem Bild der Zone à défendre – ZAD nahe dem französischen Ort Nantes. Die ZAD ist fast 7 mal so groß wie Leipzig und die bis jetzt noch größten autonom besetze Zone in Europa. Seit 2007 und besonders 2009 werden Felder, Waldstücke und Wohnorte besetzt gehalten und damit gegen die Zerstörung auf Grund eines Flughafenbaus verteidigt3.

Der Amaranth und die Frau die ihn hält verweisen auf Oaxaca – einen Bundesstaat Mexikos. Vor der spanischen Kolonialisierung diente die Pflanze als Hauptnahrungsmittel der mexikanischen Bevölkerung. Die indigene Spiritualität und Kultur, die sich an das Anbauen und den Verzehr von Amaranth und anderen Nahrungsmitteln knüpfte stand der Christianisierung der Kolonisator_innen im Weg. Ihr Konsum und Anbau wurde verboten. Heute ist die Pflanze wegen ihrer Resistenzfähigkeit und Geschichte Symbol des mexikanisch indigenen Widerstandskampfes, aus dessen Druckwerkstätten die Inspiration stammt, die sich hier auch auf der Wandmalerei findet.

Der abstrakteren Fragmente sind von russischem Konstruktivismus inspiriert, sollen auf theoretische Selbstbildung verweisen. Die Verse sind über historisch anarchistisch und kommunistische Kämpfe auf dem Land und erinnern an ihre Prinzipien. Es geht z.B. um die russischen und insbesondere ukrainischen Bäuer_innen4 in der Oktoberrevolution, die andalusischen Bäuer_innen im Spanischen Bürgerkrieg oder die Zapatistas – eine aktuelle mexikanisch indigene Widerstandsbewegung. Wir hoffen, dass Kennende sich gleichzeitig an Zeiten erinnert fühlen in denen Kunst als Tätigkeit wie jede andere Arbeit verstanden wurde und als Teil von Massenbildung gefördert wurde, statt zu elitären Produkten mit horenden Preisen oder sinnentleertem Konsumgut aus dem Supermarkt zu verkommen. Gemeint sind die ersten Jahre der Oktoberrevolution, in der die autoritäre Parteilinie der Bolschewiki noch nicht umfassend zum tragen kam.

Im vorderen Bereich kulminieren die unterschiedlichen Inspirationquellen und Stile der einzelnen Hände. Hauptaugenmerk liegt auf der begrenzt durch derzeitige Umstände, doch funktionierenden solidarischen Produktion von grundlegenden Gütern. Die Rote Bete – ein Symbol für die roten Beete, die es ohne Fleiß und Faulheit nicht geben würde. Fleiß, weil es ein hohes Maß an Schweiß, Kraft und Bereitschaft zur Auseinandersetzung braucht um unter marktwirtschaftlichen Bedingungen so solidarisch zu Produzieren wie hier. Faulheit, weil sie gewisser Maßen Teil des Fleißes der Kommune ist. Ohne sie hätte es nie die Muße gegeben eine andere Produktion zu erdenken. Es hätte nicht die Zeit gegeben gesellschaftliche Funktionsweisen zu verstehen und abzulehnen. Ohne Faulheit hätte es auch nicht die Zeit gegeben sich füreinander die nötige Offenheit zu bewahren, sich einander zu widmen, weil wir nur zusammen zur Utopie gelangen können. Wir würden uns wünschen, dass die Kulmination gleichzeitig als ein Eingeständnis in unser Unwissen betrachtet wird. Es geht uns um ein öffentlich suchendes Nachdenken über Kämpfe und die Frage, wie wir in Deutschland und global das Bewusstsein und Handeln für international-anarchistische Kämpfe stärken können. Es geht uns um den Zielpunkt grundlegender gesellschaftlicher Veränderung. Wenn ihr genau hin seht kommen die Stile nicht zusammen, die unterschiedlichen Hände treten hervor und metaphorisch gesprochen: Sie fließen bis jetzt nicht in einen gemeinsam kontinuierlich verändernen Prozess, sondern verabschieden sich wieder nach einem Projekt.

Vielleicht auf ein Wiedersehen und in Erinnerung an die Zeit mit unseren 3 englisch-, spanisch- und italienisch-sprachigen Genoss_innen, die heute nicht hier sein können, oder um den Term ob seiner realsozialistischen Anklänge zu vermeiden Freunde und Freundinnen, wünsche ich euch ein schönes via campesina Frühlingsfest: What you got to lose, reclaim utopia, fight Capitalism! Caminamos preguntando! Porque Dio!

English Version:

We are living in times of european reaction and neoliberal attacks on our lives like the last one with the working law in france. In germany we are recognizing it at least since the end of 2014 with Pegida and the AfD, as well as with assaults on Non-White People und their invisibility, which is rising with the number of police officers walking up and down on the mainstation. We are reconizing it with the Hartz 4 laws and that we can’t sleep by the impression that we need to do anything for our job, studys or the jobcenter. We are recognizing it also with our friends, which are not able to be part of the first labour market on the base of there mental constitution or the bodily one.

In this dead-end thicket it is one of the biggest artworks to build a place like this one here in Sehlis. This is not meant metaphorical. It talks from burning inventivness, creativ dealing with the given means and clear and cold creed to build a half-island like this surrounded from hectical floods of neoliberal logics of exploitation. Within the production and despite the accordance to capitalist concurrence an inkling of economics takes place, which is based on solidarity and orientated on needs. Meanwhile the production doesn’t become idealistic or ineffectiv. We need to keep in mind that there are 800 kg of vegetables transported from here every week and the place is still about the inkling of other economics, which is not leaving somebody on the minimum of existance or even under. With this Sehlis is an heterotopian place – a term of Foucault, which is not strictly defined, but which is about an idealistic content anchored in an material existing place. This content is wellkept by a culture an rituals. This culture of an inkling of a better world, which rejects every form of opression of the human beeing and is made of real self-organization is here anchored in the form of production and reproduction. In the same time the people who are living and producing here keep the place open for enemys of capitalism and those who are still undecided to gather, to find leisure, time for discussions and exchange – so as us, which were painting and which are not undecided: a streetartist, two printmakers and one art-pedagogue. How you are probably hear: Nobody of us is experianced with silicat-painting on the wall. This facade was an experiment and if somebody is disturbed by the dillitant aesthetics, this one can say „thank you“ once again to the commune to also make it possible for non-professional artists – so to say us – to express. We had enough food, money, material and space to make the mural. All of that without irrelevant bureaucratical workload (the people of the commune helped us with this), but instead based on direct communication. Its upset to need to talk about it but the work circumstances of the most artist and cultural workers are usually looking quit different and i am still talking mostly about western industrialized countrys. Just 5 % of the artists are able to financiate their lives, with their profession. So in an realistic comparence we are thankful and angry. Thankful, because radical left self-organization made it possible for us to gather like this, full of anger because the financial systam makes it to something unusual that artists from different countrys come together for exchange and social-political projects out of institutionalized frames. We hope we are taking part of an public effect, what we hope the commune and the production has.

Maybe with this we are able in order to guard against the isolation and privatizing, with which communes and houseprojects are confronted a lot of times and with which they disappear as an other moral offer on the market. We want to keep there political content and place them in the history out of which they were coming – the history of anarchistic communes, socialistic cooperatives, squats and fight for land and autonomy, instead of understanding them just as selfempowerment projects. We make this by trying to communicate our content invitingly to the world out of the commune: Its about a social-revolutionary double-strategy for a better live now and against logics of exploitation and private ownership of means of production, which prevent us from a better live. With the metaphorical phrase on the wall we hope, that we found an expression of this dopple strategy, which avoids disambiguation and make the contemporary grade, in which we are searching and need to experiment different anticapitalistic strategys. A special matter for us was the
exchange with the people here and the rememberence of other agrar-revolutionary movements.

The woman with the spate is from a picture from the Zone à défendre – short ZAD – near the french town Nantes. The squatted zone is nearly the 7th as big as Leipzig and until now i think the biggest autonomous squatted zone in europe. Since 2007 people are squatting fields, woods and living places and defend them against the destruction because of an airport project.

The amaranth and the women, which is carying it, are signs from Oaxaca – a state of mexico. Before the spanish colonization this plant was an staple food of the mexican people. The indigenous spiritality and culture, which was anchored in the cultivation and consume of amaranth and other food was in the way of the will of the spanish colonizers to christianizise the people. So they banned it. Now the revrectivness and history of the plant is a symbol of mexican indigenous restistance. The inspiration for the pictures was also collected in the printworkshops of mexico.

The abstract fragments are influenced by russian constructivism and should sign theoretical selfeducation. The phrases are about historical anarchistic and communistic struggles on the land – for example in the october revolution espacially from the ukrainien peasents, the andalusian peasents during the spanish world war or the zapatistas – a recent mexican agrar-revolutionary movement. We hope that knowing persons are meanwhile thinking of a time, in which art was considered as an activity like other works and was part of mass education, instead of being depraved to an high selling product or a sensless good for consuming.

In the front the sources of inspiration and styles of the different hands are culminating. The focuse is placed on the from capitalist circumstances bordered production, which is still a solidarity one. The beatrude a symbol for the red fields. In german the beatrude is called „Rote Bete“ and red fields are „Rote Beete“. For this dilligance and lazyness was and is needed. Dilligance, because without sweat and power this commune and the fields were not existing. Lazyness, because without lazyness nobody would have find the leisure, time to understand and reject the way how society is organized usually, as well as to stay open, because just together we will keep the utopian dream alive and make it real. In the same time we would like you interpret the culmination as an admission of our lack of knowledge, an public searching thinking of how we can keep the concious and acting for international-anarchistic fights alive, which have the aim of an fundamental change of society. If you are looking closer the styles are not coming together in a good way, the different hands become obvious and to talk metaphorical: They are not floating together in an common continious changing process.

Hopefully see you later and in remamberence of the time with the 3 english-, spanish- and italienspeaking comrads we wish you a wonderful via campesina springfeast: What you got to lose, fight capitalism! Caminamos preguntando! Porque Dio!

Fußnoten/Footnotes:

  1. https://www.viacampesina.org/en/index.php/organisation-mainmenu-44/what-is-la-via-campesina-mainmenu-45
  2. https://www.blaetter.de/archiv/jahrgaenge/2013/maerz/das-neue-elendzehn-jahre-hartz-reformen-0
  3. http://www.untergrundblättle.ch/politik/europa/frankreich_zone_a_defendre_zad_notre_dame_de_landes_3663.html, http://zad.nadir.org/?lang=de
  4. http://deu.anarchopedia.org/Machno-Bewegung

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